Xerox. Fien Veldman
Wenn keine Gemeinsamkeiten
zwischen den Menschen ist und Ihnen,
versuchen Sie es den Dingen nahe zu sein,
die Sie nicht verlassen werden.5
Die einen gehen in der Fantasie,
die anderen in der Wirklichkeit unter.6
Einleitung
Xerox ist der lesenswerte Debütroman der niederländischen Autorin Fien Veldman. Sie wurde 1990 in der niederländischen Provinz in Leeuwarden geboren. Veldman studierte Literaturwissenschaften und arbeitet als Journalistin und Theaterkritikerin.
Inhalt
Die Hauptfigur wirkt überfordert und desillusioniert und hat Schwierigkeiten, ihren Alltag zu bewältigen. Am liebsten möchte sie ein Leben wie Oblomow7 führen.
Überall sieht sie Gefahren, fühlt sich bedroht und beobachtet. Sie leidet an einer Allergie, die bei Stress und körperlicher Anstrengung ausgelöst wird.
Ein zugestelltes Paket versetzt sie in Panik, weil es unauffindbar bleibt. Dann taucht an ihrer Wohnungstür ein geheimnisvoller, blauer Zettel auf. Sie stellt sich ängstlich die Frage: Besteht zwischen dem nicht auffindbaren Paket und dem blauen Zettel ein Zusammenhang?
Beschäftigt in einem Start-up, isoliert von den anderen Kollegen, arbeitet sie allein in einem Zimmer und ist für das Drucken der Briefe zuständig. Einer dieser sinnlosen, langweiligen Bullshitjobs. Um ihre Einsamkeit zu kompensieren, erzählt sie dem Drucker ihre Ängste. Ihre schlechte Stimmung überträgt sich scheinbar auf den Drucker, der dann gehetzter druckt.
Aufgewachsen ist sie in einem Arbeiterviertel, in dem offene Gewalt vorherrschte. Sie ist froh, dieses Milieu verlassen zu haben. Fühlt sich jedoch in ihrer neuen Welt fremd. Sie nimmt mit ihrem Mindestlohn und einem prekären Arbeitsverhältnis die unterste Stufe der Hierarchie ein.
Ich befinde mich zwar noch auf einer Umlaufbahn, aber es ist die äußerste. Der wahre Rand. Und du auch, übrigens. Wenn der Mittelpunkt die Sonne ist, sind wir Pluto, und Pluto ist nicht einmal mehr ein Planet, sondern nur ein Felsbrocken, deshalb wird er auch von allen belächelt.2
In ihrer neuen Umgebung tritt die Gewalt in einer anderen Form zutage.
in der Gewalt unter Hierarchieebenen und Konsum begraben wird und in der Möglichkeit, sie einzusetzen, fast ausschließlich in den Händen mächtiger Männer zu liegen scheint.1
Die Arbeitssituation führt zum Verlust der Individualität. Die Menschen in dem Start-up sind jederzeit austauschbar und besitzen keine individuellen Namen, sondern werden mit ihrer Funktion benannt: Sales, Marketing etc. Sie sind Marionetten und das Start-up ein Marionettentheater. Gleichzeitig leben sie in der Illusion, ihr Leben im Griff zu haben und ihr Leben selbstständig zu bestimmen. Doch manchmal erinnert das Start-up an ein Kloster.
Man verbringt die Tage im Büro in Stille, manchmal ist das Büro wie ein Kloster. Meine Kollegen sind Mönche bei der Arbeit.3

Eine Arbeitswelt und Gesellschaft, in der utopisches Denken nicht erwünscht ist.
Es gibt so viele Mittel und Wege, um Ideen und Gedanken zu vernichten.4
Die Hauptfigur wird wegen eines Burnout freigestellt. Auf die Fragen eines Coaches, wo sie sich in 10 Jahren sieht, reagiert sie mit Verständnislosigkeit. Ihr Interesse hält sich in Grenzen, an ihren öden Arbeitsplatz zurückzukehren.
Im Kapitel Intervision erhält der Leser vom Drucker weitere Informationen über das Leben der Hauptfigur und der Drucker verdeutlicht seine Perspektive auf die Arbeitswelt.
Im letzten Kapitel Reintegration kehrt die Hauptfigur in das Start-up zurück. Nur für einen Tag. Sie und mehr als die Hälfte der Belegschaft erhält die Kündigung. Wie es in der schönen, neuen Arbeitswelt des Kapitalismus üblich, erfolgt die Kündigung mit einer E-Mail.
Für die Hauptfigur bedeutet die Kündigung eine Reintegration in das Leben. Es gibt ein Leben außerhalb der Arbeitswelt.
Ein Glück, die Welt ist noch da! Und ich lebe in ihr!8
Zusammenfassung
Die Idee, mit einem Drucker zu sprechen und zu ihm eine emotionale Beziehung einzugehen, erscheint zunächst abwegig. Doch Menschen sprechen mit der KI, einer Maschine, die sie als menschenähnlich empfinden. Inzwischen wird KI in der Psycho-Beratung und bei der Trauerbegleitung eingesetzt. Außerdem soll es Food-Influencer geben, die Bäume umarmen.
Ein Roman über die Einsamkeit und die krankmachende Arbeitswelt. Die Lebenseinstellungen der Hauptfigur verhalten sich diametral zu einer aktiven, zielorientierten Gesellschaft. Sie erkennt die Heuchelei der Gesellschaft, die Individualität predigt. In Wahrheit besteht ein Gruppenzwang. Jeder soll sich über den geforderten Konsum den Moden und dem Lifestyle schnell anpassen. Ein Konsum, der zumindest kurzfristig die Entfremdung in der Arbeitswelt kompensiert. Die Hauptfigur verlässt das Hamsterrad, um nicht ihr gesamtes Leben auf die Arbeit zu reduzieren. Sie entscheidet sich für das Leben.
Ein Roman mit einer hohen literarischen Qualität. Die Messlatte für den zweiten Roman liegt deshalb sehr hoch. Als Leser kann ich mir nur wünschen, dass Fien Veldman, diese hohe Qualität hält.
Popmusik:Placebo: Slave to the Wage
Placebo, eine Britpop Band, gründeten sich rein zufällig. Brian Molko und Stefan Olsdal besuchten in Luxemburg dieselbe Schule. Hatten dort aber kaum Kontakt miteinander. 1994 trafen sie sich in London wieder. Es stieß noch der Schlagzeuger Robert Schultzberg dazu. (Ab 1997 war Steve Hewitt der Schlagzeuger) Bereits1995 hatten sie als Placebo ihren ersten Auftritt und 1996 erschien das erste Studioalbum mit dem Titel Placebo.
Die Unterstützung von Popgrößen beschleunigte die Karriere der Band. David Bowie war von Placebo begeistert und nahm sie auf seinen Tourneen Outside(1995) und Earthling (1997) mit. Bei dem Song Without You I’m Nothing trat David Bowie als Gastmusiker auf. Zudem soll Bowie Placebo bestärkt haben, Nancy Boy als Single zu veröffentlichen.9
Weiterhin traten Placebo 1997 bei einigen Konzerten von U2 als Vorband auf10. Der Songtitel des zweiten erfolgreichen Studioalbums Without You I’m Nothing erinnert an den Songtitel von U2 With or Without You. Zufall?
Slave to the Wage erschien 2000 auf dem dritten Studioalbum Black Market Music . Der Song erzählt von einem öden Bürojob. In dem offiziellen Musikvideo sehen die Büroangestellten wie humanoide Roboter aus, gefangen in einem Hamsterrad.
It′s a race, a race for rats
A race for rats to die11
Die Textzeile Sick and tired of Maggie’s farm ist eine Anspielung auf Bob Dylans Song Maggie’s farm. Der Song endet mit den Zeilen.
Run away, run away
Run away, run away
Run away11
Im Video flieht eine Person mit einer Rakete von der Erde und vor dem unerträgliche Bullshitjob.
1) Fien Veldman. Xerox. Aus dem Niederländischen von Christina Brunnenkamp. Carl Hanser Verlag. 1. Auflage 2024.
S.174
2) S.11
3) S.77
4) S.83
5) S.9
6) S.87
7) Oblomov ist ein Roman aus dem Jahr 1859 von Iwan Gontscharow. Die Hauptfigur neigt zu Passivität und leidet an Antriebslosigkeit.
8) S.217
9) Louder. By Niall Doherty ( Louder, Classic Rock ) published 8 October 2025. Abgerufen am 27. Dezember 2025
10) Placebo Anyway Blog. Placebo on tour with U2. Abgerufen am 27. Dezember 2025
11] Genius. Slave to the Wage
