Mely Kiyak hört mit. Thomas Mann. Deutsche Hörer
Einleitung
Bedenkt, dass das Rüstzeug zur Versklavung der Welt eurer Hände Werk ist, und dass Hitler seinen Krieg nicht fortsetzen kann ohne eure Hilfe. Verweigert eure Hände und tut nicht mehr mit! Es wird für die Zukunft ein ungeheurer Unterschied sein, ob ihr Deutsche selbst den Mann des Schreckens, diesen Hitler, beseitigt oder ob es von außen geschehen muss.5
Thomas Mann hat eine interessante politische Entwicklung. Mit dem Alter wurden seine Einstellungen immer progressiver. Von einem Anhänger des Kaisers zu einem überzeugten Demokraten und Nazigegner.
Bereits 1930 kritisierte er im Berliner Beethoven-Saal das Programm der Nationalsozialisten. Publiziert wurde die Rede im selben Jahr: Deutsche Ansprache – Appell an die Vernunft.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kehrte Thomas Mann 1933 von einer Vortragsreise in der Schweiz nicht nach Deutschland zurück. Nachdem er sich 1936 geweigert hatte, gegenüber der preußischen Akademie, für die NSDAP eine Treueerklärung abzugeben, entzog man ihm die Staatsbürgerschaft. Mann emigrierte in die USA und nahm 1942 die amerikanische Staatsangehörigkeit an. Er kehrte 1949 kurz nach Deutschland zurück, um in Frankfurt und Weimar den Goethepreis entgegenzunehmen.
Hier kam es zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und den in Nazideutschland zurückgebliebenen Schriftstellern. (Innere Emigration).
Inhalt

Ab 1940 sendete die BBC von Thomas Mann Rundfunkansprachen an die deutsche Bevölkerung. Die Rundfunkansprachen wurden in den USA aufgenommen, an die BBC gesendet und von dort nach Deutschland gesendet. Ab März 1941 spricht Mann seine eigenen Texte.
In seinen Rundfunkansprachen nimmt der sonst elegant formulierende Großbürger Thomas Mann kein Blatt vor den Mund und beschimpft die Nationalsozialisten als
eine Handvoll stupider Verbrecher1
Hitler bezeichnete Thomas Mann als Hetzer gegen die Nationalsozialisten, und diesmal hatte er recht. Mann agitierte für die Demokratie, die Freiheit und die Menschenrechte. Für Mann war der Kriegsbeginn nicht 1939, sondern 1933, mit der Abschaffung der Demokratie und der Menschenrechte.
Er spricht die Deutschen direkt an und betont immer wieder sein Deutschsein. Seine Rundfunkansprachen sind Gegeninformation zur Propaganda der Nationalsozialisten. Er beschreibt die Stimmung und politische Entwicklung in den USA und die zunehmende militärische Stärke der Alliierten. Er warnt die Deutschen vor den grausamen Folgen des Krieges.
Euch warnen, Deutsche, heißt euch in euren eigenen schlimmen Ahnungen bestärken. Ich kann nicht mehr tun.2
Er hofft, dass die Deutschen ihre bedingungslose Gefolgschaft Hitlers beenden, und fordert sie auf, ihn zu stürzen, denn nur so wird in Europa Frieden möglich sein.
Trotz der Hervorhebung seines Deutschseins betont er die gemeinsame europäische Tradition. Er entwickelt eine europäische Vision, in der die Nationen zwar bestehen bleiben, jedoch ihre Souveränität teilweise abtreten, um einen längerfristigen Frieden in Europa zu garantieren.
Er beschreibt die Naziideologie, unter der ganz Europa und auch die Deutschen leiden. Nach der Abschaffung der Menschenrechte hält sich ein Halunkenregiment,3, für die Herrenrasse, das Menschen in ganz Europa planmäßig ermordet. Bereits in der Radioansprache vom Januar 1942 konfrontiert er die Deutschen mit den Gräueltaten der Nazis. Er berichtet von der Ermordung holländischer Juden. Auch über die Zustände im Warschauer Ghetto und in verschiedenen Konzentrationslagern berichtet Thomas Mann.
Es finden sich bemerkenswerte Aussagen in seinen Rundfunkansprachen.
Dass Russland und der Westen heute auf derselben Seite gegen ihn, den Feind der Menschheit, kämpfen, ist nur der äußere Ausdruck für die innere Tatsache, dass Sozialismus und Demokratie längst keine Gegensätze mehr sind,4
In seiner Rundfunkansprache vom 25. Mai 1943 berichtete Mann, dass er 1932 ein Paket erhielt, das ein verbranntes, aber noch erkennbares Exemplar seines Romans Buddenbrooks enthielt. Als Strafe für seine Nazigegnerschaft. Mann sah dies als ein Vorspiel zu den Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933. In einer seiner Rundfunkansprachen begründete Mann, weshalb er nicht nach Deutschland zurückkehrte. Einmal ist Thomas Mann von den Deutschen enttäuscht, dass sie sich nicht selber von der nationalsozialistischen Barbarei befreiten. Zweitens will er sich nicht von deutschen nationalistischen Gruppen gegen die Politik der Alliierten einspannen lassen.
Zusammenfassung
Zu dem Schriftsteller Thomas Mann und Menschen existieren zahlreiche Portraits, Rezeptionen und Sekundärliteratur. Thomas Mann ist ein bedeutender Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, mit dem Image eines versnobten und elitären Großbürgers, der seine Homosexualität versteckte. Diese Rundfunkansprachen vermitteln einen neuen und interessanten Blick auf Thomas Mann.
1) Mely Kiyak hört mit. Thomas Mann. Deutsche Hörer. Erschienen bei S. Fischer. 2. Auflage, 2025, S. 35
2) Ebenda, S. 49
3) Ebenda, S. 109
4) ebenda, S. 99
5) ebenda, S. 70
