Buchbesprechung:Günter Wallraff „Der Aufmacher“

Zu Beginn distanziert sich Günter Wallraff vom Terrorismus:

Ich verabscheue Gewalt und Terror. Ich verurteile die Morde an von Drenkmann, Buback und Ponto und den vier Begleitern Schleyers

 

Günter Wallraff "Der Aufmacher", Verlag Kiepenheuer & Witsch

Günter Wallraff „Der Aufmacher“, Verlag Kiepenheuer & Witsch

Wir sind im Jahr 1977. Noch beherrscht der Ost-West Konflikt die Welt, wenn auch seit den 70er Jahren der Eiserne Vorhang durch die neue Ostpolitik Willy Brandts durchlässiger wurde. Der Antikommunismus gehört noch zum politischen Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland.
Der Deutsche Herbst 1977 ist der Höhepunkt des RAF Terrors. Bei Veröffentlichung dieses Buches wurde der Arbeitgeberpräsident Hans Martin Schleyer von der RAF entführt und seine Ermordung war noch nicht bekannt. Wer zu der Zeit politisch „linke“ Position vertrat, wurde schnell von der konservativen Presse als Anhänger der RAF Terroristen verleumdet.
In Schweden wird die Recherchemethode von Wallraff, als wallraffing bezeichent. Bei seiner Arbeitsweise verwendet Wallraff einen Fake, eine neue Identität als Journalist Hans Esser, um die Fake News der Bildzeitung aufzudecken. Mit dem Einschleichen in die regionale Bildredaktion in Hannover, gelingt Günter Wallraff sein „Meisterstück“. In der ersten veröffentlichten Ausgabe mussten nach Gerichtsbeschlüssen Passagen entfernt werden. Inzwischen liegt wieder die Originalversion vor. Mir lag nur die zensierte Ausgabe vor. Es wurde bezweifelt, ob Günter Wallraff seine Bücher alleine schreibt. Der Konkret Herausgeber Gremlitza schrieb als Ghostwriter einige Seiten für diese Buch; wie Günter Wallraff bestätigte.
Das Buch ist keine theoretische Analyse über der Arbeitsweise der Medien und der BildzeitungDas Buch ist eine Sammlung von Fallbeispielen, wie die Bildzeitung Nachrichten manipuliert.
Zum Beispiel der Kälteeinbruch in Mallorca:Der Redakteur Schwindmann hat Informationen über einen Kälteeinbruch in Mallorca und erfindet die Schlagzeile Chaos, Regen, Hagel. Er schickt einen Mitarbeiter zum Flughafen Hannover, um ankommende Urlauber zu interviewen. Die Urlauber sind gut gelaunt, braungebrannt, und wissen nichts von einem Kälteeinbruch. Einer der Rückkehrer, ein Marathonläufer erzählt, er habe einen Tag in einer Bar verbracht. Aus dieser Aussage macht die Bildzeitung:Ich hielt mich nur mit Marathonläufen warm. Nach dem Mittagessen war ich nur noch in den Bars von Palma zu finden. Erholt habe ich mich nur wenig.

Die meisten Journalisten sind freie Mitarbeiter, deshalb besteht ein starkes Konkurrenzverhältnis. Lange Arbeitszeiten und kaum Privatleben. Treffen der freien Mitarbeiter außerhalb der Arbeit kommen kaum vor. Jeder hat Angst dies könnte als ein gemeinsames Vorgehen gegen die Chefredaktion verstanden werden. Die freien Mitarbeiter stehen unter einem hohen Druck immer wieder neue und spektakuläre Geschichten zu schreiben. Wallraff beschreibt, wie schnell auch er sich den Forderungen der Bildredaktion anpasst. Unter Druck steht auch der Chefredakteur, der neue spektakuläre Nachrichten an die zentrale Bildredaktion nach Hamburg liefern muss.
Häufig erfindet die Chefredaktion die Schlagzeilen, und erst dann schreiben die Journalisten einen Text zu der Schlagzeile. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes darf die Bild Redaktion als professionelle Fälscherwerkstatt bezeichnet werden.
Die Macht der Bildzeitung beruht auf hervorragenden Kontakten zu den politischen Eliten, jeder Richtung. Der damalige SPD Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg schrieb Artikel für die Bildzeitung und unterstützte Aktionen der Bildzeitung für Ausbildungsplätze.
Bei Spendenaktionen nutzte die Bildzeitung ihre engen Verbindungen zur Wirtschaft. Unternehmen, die sich an den Spendenaktionen beteiligten, erhielten kostenlose Werbung mit der Nennung des Namens oder positive Erwähnung in einem späteren Bildartikel. Politiker, Prominente und Unternehmen fürchteten die Macht der Bildzeitung. Daran scheint sich nichts geändert zu haben. Viele Prominente mach(t)en Werbung für die Bildzeitung, in der Hoffnung die Bildzeitung fördert die eigene Karriere. Auf dieser Liste stehen Prominente, die sich an der Werbekampagne der Bildzeitung beteiligten.
Die Unterstützung der Bildzeitung kann auch sehr schnell umschlagen. Von dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff wurden Homestories veröffentlicht. Nachdem Christian Wulf die Entlassung von Thilo Sarrazin von seiner Bundesbanktätigkeit forderte und äußerte „Der Islam gehört zu Deutschland“, begann die Kampagne der Bildzeitung gegen Christian Wulf. Der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner beschrieb 2006 die Arbeitsweise der Bild so: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten“

Schlagzeile der Frankfurt Ausgabe der "Bild" Zeitung am 6. Februar 2017. Nach Ermittlungen der Polizei hat es diesen "Sex Mob" nie gegeben. Wahrscheinlich wollte die "Bild" an die Ereignisse in der Sylvesternacht in Köln erinnern, und Stimmung gegen die Flüchtlinge machen. Immerhin entschuldigte sich die "Bild" für die falsche Berichterstattung.

Schlagzeile der Frankfurt Ausgabe der „Bild“ Zeitung am 6. Februar 2017. Nach Ermittlungen der Polizei hat es diesen „Sex Mob“ nie gegeben. Wahrscheinlich wollte die „Bild“ an die Ereignisse in der Sylvesternacht in Köln erinnern, und Stimmung gegen Flüchtlinge machen. Immerhin entschuldigte sich die „Bild“ für die falsche Berichterstattung.

 

Trotzdem kann die Bildzeitung nicht mehr wie vor einigen Jahren gegen Ausländer und Minderheiten hetzen. Mit Wallraffs Buch, dem Bildblog, und dem Internet entstand eine Öffentlichkeit, die die Bild Journalisten kritisch begleitet.

Die Politik hat ein neues Thema entdeckt:Fake News. In der Bildzeitung stehen Fake News um die Auflage und den Verkauf zu steigern, aber auch um politische Entscheidungen zu beeinflussen. Seit Jahrzehnten veröffentlicht die Bild Fake News. Die Politiker planen Gesetze gegen Fake News im Internet, doch die Bild Methoden wurden/werden hingenommen. Ganz im Gegenteil Politiker kooperieren mit der Bildzeitung, stehen für Homestories bereit oder schreiben Artikel für die Bild.

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